UNMAP: Pressures

UNMAP-Pressures

(Sinnbus/ Rough Trade/ Good To Go) Eigentlich haben Mariechen Danz und Alex Stolze nur zusammen Musik gemacht, um Soundtracks für die Kunstperformances von Danz zu erschaffen. Doch daraus wurde mehr, die Musik begann zu leben, suchte neue Formen des Daseins. Es brauchte eine Band, die durch Matthias Geserick und Thomas Fietz komplettiert wurde und es entstand ein Album, eben jenes „Pressures“, das man jetzt in den Händen hält. Darauf befindet sich distanzierte Popmusik, durch die eine gewisse Nüchternheit geistert, die Songs haben zwar ein recht konkretes rhythmisches Gerüst, ansonsten ist aber viel in der Schwebe. Bereits der Opener „Wire Rule“ wird durch die abgeklärt autoritäre Gesangsstimme von Danz geprägt, bei der man die zugrunde liegenden Emotionen nur ungefähr erahnen kann. Wie so oft befindet sich der Song in einer sehr karg ausgestatteten, musikalischen Kammer, einzelne Tonfolgen und Klänge stehen oft nebeneinander, haben Platz sich zu entfalten. Und nur im Refrain wird der Versuch gestartet, für etwas mehr gefühlstechnische Verbindlichkeit zu sorgen, dennoch, der Gestus bleibt distanziert. In „Pirates“ ragen immer wieder einzelne Töne aus dem nebeligen Geflecht unverbindlich lockerer Beats, doch auch dieses Stück bleibt reduziert in seiner Ausstattung, erlaubt sich nur in Eiswürfelform gegossene Leidenschaft, zudringlich wird es auch hier nicht. Unheimlich edel und voluminös wirkt „The Gold Route“, intuitive Regungen treffen auf rhythmische Disziplin und der Song mag zwar mit ruhigem Puls nah am Boden unterwegs sein, er strahlt dennoch ein unheimlich großes Kraftpotential aus, welches aber bewusst nicht ausgeschöpft wird. Dadurch, dass Unmap ihre Klangmittel sparsam einsetzen, entstehen konzentrierte, transparente Songs, die dennoch eine gewisse Zudringlichkeit und Verbindlichkeit ausstrahlen, es handelt sich um oftmals karg erscheinende Popmusik, die wie eine Rankepflanze an einer fahlen Betonmauer empor wächst. Dabei lässt sich die Musik von Unmap aber nur schwer vereinnahmen, da sie mit wohldosierter Kühle immer ein wenig auf Abstand geht. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist „Monkey Effort“, welches in den leeren Raum nach und nach Keyboardbläser, ein Klavier, das den Song unaufgeregt akzentuiert, und Streicherzupfer einlässt, die sich zu einer fein gesponnenen Elegie verbinden. Doch auch hier entsteht keine nahbare Gefühlsduselei, sondern ein erhabenes Klanggewebe, welches mal undurchdringlich, dann aber wieder transparent erscheint. Wie ein schamanisches Großstadtritual wirkt „Take Over“, dessen Beginn durch ein glockiges Klöppeln geprägt ist, auf den sich der Gesang unaufgeregt legt. Und wieder entsteht der Eindruck von spartanischer Ausstattung, niedrig getacktete Hip Hop Beats finden ihre Konturen im Kontrast zur Leere, dazu skizzieren sparsame Percussions die Grundzüge eines schattigen Songgesichts, das durchaus das Potential zu einigem Aufruhr in sich trägt, in letzter Konsequenz aber in einem semiengagierten Fluss dahingleitet. In „Altar“ hat man dann das Gefühl, als habe es sich Fever Ray in einer Schlucht aus Betonwänden unbequem gemacht, hier entladen sich noisige Gewitter und es entsteht das Bild eines Maschinenwalzers in Superslomo. In solchen Momenten hat „Pressures“ eine durchaus klaustrophobische Qualität, diese Platte berührt zwar aus einem gewissen Abstand heraus, doch wenn sie berührt, dann gerne auch mal unangenehm. Dabei findet man in den Stücken durchaus immer wieder Schönes und bedingt Nahbares. So manche Melodie geht zumindest halb den Weg zur einprägsamen Lieblichkeit, nur wird diese nicht zur Vollendung gebracht, das Gesicht bleibt ungeschminkt. Zum Abschluss der Platte geben sich Unmap dann noch einmal entspannt, über einen locker elastischen Beat entrollt sich „ABC ( Hierarchy Of The Alphabet“. Man folgt dem nüchtern tänzelnden Gesang entlang des Alphabets mit teils hypnotischer Konzentration und geht mit ihm dann auch mal in die tieferen Schichten, und wird im Laufe des Stücks Zeuge, wie das Gefühl der Zwanglosigkeit auf kompositorische Strenge trifft, ein wunderbar ausbalanciertes Stück. „Pressures“ ist somit ein Album geworden, welches den Hörer aus der Entfernung umgarnt, die Stücke sind wahrlich nicht dafür gemacht, dass man sie anstandslos in seine Arme schließt, an manchen Ecken und Kanten würde man sich da schon schneiden und dass, obwohl die rhythmische Grundstruktur durchaus flüssig ist. Aber Mariechen Danz und ihre Kollegen sorgen immer wieder für eine relativierende Nüchternheit, von der die Dramturgie dieser Platte abseits von hohler Theatralik geprägt  ist. Dadurch ist „Pressures“ vor allem eins geworden: ein unaufgeregtes, sehr erwachsenes Chamber-Popvergnügen.

Info: www.facebook.com/UNMAPBAND

(Martin Makolies)