KWES.: Ilp.

KWES.: Ilp.

(Warp/Rough Trade) Endlich also das erste Album von diesem jungen Künstler, der sich bisher vor allem als Produzent hervor getan hat( Speech Debelle, Dels). Und die hohen Erwartungen werden bei dieser Talentprobe nicht nur erfüllt, sondern glatt weg übertroffen. Kwes schafft es, konträre Dinge auf „Ilp.“ zu versöhnen, da trifft Zärtlichkeit auf Noise, Organisches geht einher mit Artifiziellem. Stimmungsmäßig ist die Platte dort zu Hause, wo grau in blau übergeht, Wehmut, Nostalgie und ganz viel Romantik unter einem Schleier aus fahler Asche.Man hat immer das Gefühl, das Bild ist dezent verwackelt, die Linien verschwimmen und die Proportionen stimmen nicht ganz. Das liegt daran, wie Kwes mit seinen Melodien behutsam spielt, wie er sie einbettet in eine Umgebung aus knisternden, schachernden, knarrenden und raschelnden Percussions. Und der kurze oder einfache Weg ist Kwes auch zu langweilig, seine Stücke, die oftmals wie zu tiefst inspirierte Versuchsanordnungen wirken, leiern und fransen aus, gehen Umwege und finden dort so manches Mal ihre eigentliche Bestimmung. Der Beginn von „Ilp.“ Ist da sogar noch vergleichsweise eingängig, „Purplehands“ inszeniert sich als nebelumwobener Schwanensee, aus der Tiefe kommt Kwes` selbstvergessener Gesang, Geräusche formieren sich zu musikalischen Strukturen und über allem liegt eine wehmütige Lieblichkeit, sanfte Berührungen und Versicherungen einer tief greifenden Liebe, „red and blue makes purple/ crop circles bearing the fruits of our love“. Zwischendrin gibt es eine federweiche Melodie aus einem himmlischen Leierkasten, das Stück stoppt ab um ein paar Pianotupfer in sich aufzunehmen und generell scheint alles ein wenig verunsichert und unkonkret, doch gerne lässt man sich von dieser Musik verzaubern. Ein Bass mit unterschwelligem Magengrummeln eröffnet das traumhaft schöne „36“, alsbald gesellen sich ein überraschend konkreter Beat und ein Klavier aus Porzellan dazu, feingliedrig wird der Liebe zu den Großeltern nachgespürt und einmal mehr hat man das Gefühl, Kwes singe gar nicht, nein, er meditiert. Wehmut und Nostalgie sind auch die Triebfedern von „Rollerblades“, das eine wunderbar mäandrierende Gesangslinie über einen schluffigen, perkussiven Shuffle legt. Hier, wie auch in anderen Stücken, gibt es Momente, wo die Instrumente aussetzen und nur Kwes Gesang vor einem steht, nackt aber mit der allergrößten Würde. Der 24 Jährige geht mit seiner Stimme nie ins Extrem, sondern entfaltet seinen Vortrag mit vertrauensvoller Ruhe und einem gewissem Stoizismus. Den eingängigen Weg verlässt er dann mit „Cable Car“, welches aus mehreren, skizzenhaften Songentwürfen besteht, wolkige Leichtigkeit findet hier genauso ihren Platz wie einschüchternde Soundkaskaden, mal hat man das Gefühl, man befinde sich in einer asiatischen Operette über zwielichtige Schattengestalten und andernorts wähnt man sich treibend in der Fruchtblase, viele Eindrücke, die hier nur ganz lose zusammengehalten werden. „Flower“ kommt dann mit dem Allernotwendigsten aus, ein paar Claps, ein langsames, rhythmisches Rascheln und aus dem Nebel schälen sich Melodieandeutungen. Dies ist das Parkett für die Ängste  von Kwes, „you´re so beautiful/ and I don´t want to destroy you with my desire“, Liebe blättert hier durch ihre Schattenseiten, doch wie zärtlich ist dieser langsame Tanz um die eigenen Abgründe, der sich letztlich mit brüchiger Überzeugung und großer Vorsicht dem Positiven zuwendet. Dieses findet man nur schwerlich in „Broke“, das reizarm im seelischen Mariannengraben im Trüben fischt, Kwes is feeling blue und zwar im klassischen Frank Sinatra-Sinn. Ozeanische Geräusche formen sich dazu im Hintergrund zu wieder zerfließenden Melodiefragmenten zusammen und die Trostlosigkeit tropft durch jede undichte Ritze im Seelenmantel. Die Stücke auf „Ilp.“ sind  in der Regel nicht vordergründig spektakulär, es ist aber faszinierend, wie aus manchmal zufällig erscheinenden Klangkombinationen fast schon Pop entsteht. Diesen zerlegt und dekonstruiert Kwes freilich gerade in der zweiten Albumhälfte genüsslich und gekonnt, von einem imaginierten, „richtigen“ Song bleiben in „Chagall“ nur Geräuschschleifen und Gesangsfetzen übrig. Aber es kommt nicht von ungefähr, dass dieses Album mit „B_shf_l“ wunderbar entspannt und poppig endet, die Beats pluckern, der Gesang geht auf versonnene Wanderschaft und irgendwie scheint hier alles an seinem Platz, unten ist unten und oben ist oben. Und dies ist ein Zustand, dem man auf diesem Album wirklich nicht oft begegnet, eine faszinierende, anregende Angelegenheit.

Info: www.kwes.info