LEE BANNON: Alternate/Endings

(Ninja Tune/Rough Trade)  Und plötzlich ist das Genre Jungle wieder da auf der Bildfläche…Dj Rashad und Machinedrum haben vorgearbeitet, der Kalifornier Lee Bannon zieht jetzt nach, just, als er sich genug in den hinteren Reihen des Indie Hip Hop ausgetobt hat. Die Grund- Ingredienzien auf „Alternate/Endings“ sind dabei nicht neu oder besonders überraschend, es geht um Beats, Beats, Beats, und bitte möglichst hoch getaktet. Die Drums leiden an einer urbanen Nervosität, verfolgen sich, ja sie jagen sich gegenseitig durch finstere Großstadtschluchten, überschlagen sich mitunter dabei. Ein gewisses Maß an Hektik wohnt all dem hier inne und akzentuiert sich in einer schwindelerregenden  Beats Per Minute-Zahl, meistens jedenfalls. Dabei gelingt Bannon das Kunststück, den Hörer nicht auszuschließen, obwohl die Stücke wie eine wenig gemütlich erscheinende Betonwand wirken. Zwischen den Beats entsteht jedoch Reibung, im hohen Tempo lauert eine intuitive Hypnose, hervorgerufen durch Soundscapes und Stimmsamples, die unter die Haut gehen. Oftmals erscheinen die Stücke als latent aggressiver Ritus, wie in „NW/WB“, das einen umkreist, verschluckt und am Ende wieder ausspuckt. Das wenig einladende Setting appelliert an das Reizvolle in der Gefahr, dröhnende Keyboard-Sirenen grasen den Grund eines schlammigen Metropolentümpels ab. Bannon weiß dabei um die Sogwirkung eines verschleppten Aufbaus, zu hören im verrauchten „Prime/Decent“, das sich von der rhythmischen Schlagzahl merklich zurückhält und einen fast organisch warmen Sound kreiert. Im Hintergrund wabern weibliche Gesangsfragmente, das Stück stoppt immer wieder mal ab um sich die verschwommenen Objekte am Wegesrand genauer anzuschauen. Eine Mischung aus Waschküche, Waldlichtung und Downtownclub evoziert der Beginn von „Phoebe Cats“, einem Track, der seine Beats erst recht spät auf den Tisch legt, auch hier arbeitet die Hektik im Hintergrund an einem dichten Geflecht, menschliche Klagelaute werden von neonfarbenen Nebelschwaden absorbiert. Das im Regen stehende Klavier von „216“ jagt einem dann einen kalten Schauer den Rücken runter, auch hier gibt es menschliche Stimmen zu hören und wiederum weiß man nicht, ob diese Laute am Rande des Zusammenbruchs oder der Ekstase entstanden sind. In diesem Track befindet sich Bannon an der Grenze zum Ambient, alles wirkt wie betäubt, die Beats verlieren sich, kommen immer wieder vom Weg ab und irgendwie schleicht sich dann auch noch so eine Rummelplatzgeräuschmachine in das Stück ein, wie Autoscooter fahren unter Wasser mit untoten Spielgefährten. Bannon lässt seinen Tracks gerne mal die lange Leine, gibt bewusst so manches Mal die Strukturen aus der Hand, doch in den dramaturgisch entscheidenden Momenten bleibt er Herr seiner Kompositionen. „Alternate/Endings“ ist sehr deep, ohne sich irgendwie einzuschmeicheln, die Platte gibt sich eher abweisend, manchmal ist sie sogar höchst konfrontativ, dabei strahlt sie eine fast schon martialische Gesundheit und Robustheit aus, die auf den Hörer höchst faszinierend wirkt.

Martin Makolies

Info: leebannon.bandcamp.com