MATULA: Auf Allen Festen

(Zeitstrafe/Cargo) Deutschland, deine Indiepunks. In dieser Hinsicht ist good old Germany wirklich gesegnet, das Angebot drängender deutschsprachiger Dagegen-Musik ist groß, Käfer K, Captain Planet, Herrenmagazin aber eben auch Matula. Hochqualifizierte Texte, treibende Klänge, man kann sich wirklich nicht beklagen. Dabei leiden diese Bands ein wenig an einer Berufskrankheit. Man würde sich vielleicht manchmal wünschen, dass sie das zeigefingergestützte „Du“ mal durch ein selbstkritisches „Ich“ ersetzen würden, aber das ist sicherlich Meckern auf hohem Niveau. Denn auch „Auf Allen Festen“ hält wunderbare Charakterstudien bereit, es geht um Menschen, die versuchen, alles zu geben, das Bestmögliche raus zu holen und dabei fast zwangsweise scheitern müssen. Die Figur im Titelsong lebt intensiv bis zum Anschlag, versucht alles mitzunehmen, „wenn du an etwas glaubst/ dann 24/7“. Die Tragik bei Matulas Antihelden liegt darin, dass diese durchaus versuchen, bewusst zu leben und sich tiefgründig Gedanken machen, es handelt sich eben nicht um den abgestumpften Prollo, der ein sehr leichtes Ziel von Häme und Kritik wäre. Doch so leicht machen es sich Matula nicht, es herrscht durchaus Verständnis und Anteilnahme für die zwickmühlenhafte Vorhölle aus Pflichten und Zwängen. Da ist der erfolglose Künstler in „Monstrum“, der sich abmüht und dennoch nirgendwo ankommt, „er fragt sich ständig/ ob sein Talent ihn durchbringt“, es herrscht eine große Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, „In Gedanken große Bühne/ zu Hause ein Futon“ und da ist ja auch die menschenfeindliche „Agentur“, die seelenlos bestimmt und vorgibt, die reinste Knochenmühle. Dazu spielen Matula einen Punkrock, der sich bewusst schlicht und treibend gibt, Variationen im Tempo und in der Gangart sind die Ausnahme, in „In Einem Krieg“ nehmen sie sich mal ein bisschen zurück, lassen den Song pendeln und auch mal Luft holen. Die grundsätzliche Stoßrichtung geht aber eher nach vorne, im bollernden Schlagzeug von „Der Makler“ findet die Alternativversion von „Mieten, Kaufen, Wohnen“ ihre kräftige Entsprechung, „der Makler ist ein Meister im Müll“, aber auch der versucht ja nur ein aufrechtes Leben zu führen. Die Glanzstunde der Platte schlägt mit „Kolumbus“ welches aufzeigt, wie selbst monumentale Entdeckungen in zwischenmenschlichen Ungereimtheiten fußen, dieser Kolumbus ist ein verpönter Außenseiter, der aus Mangel an Freunden und menschlicher Nähe zu neuen Ufern aufbricht, ein Held, der raus geht, weil es zu Hause nichts zu holen gibt. Dazu gibt es einen memorablen Refrain, der schlicht aber unglaublich wirkungsvoll ist. Wie gesagt, schnörkellos geht es zu, da lässt das Brauselimonade-Keyboard in „Für Ein Leben“ aufhorchen, vor allem im Kontrast zu solchen Zeilen: „Was ist das für ein Leben/ das man nicht führen kann?“ oder „man hält den Status hoch/ wenn schon nicht den Kopf“, beschwingte Tristesse. Das Tröstliche an solcher Musik ist ja immer, dass die Bands die Energie aufbringen, vehement zu klagen, besonders schön ist es dann natürlich, wenn die geäußerte Kritik derart nuanciert und subtil dargeboten wird. Und zum Schluss finden Matula dann doch noch zum selbstreflektierenden „Ich“, „Drei Minuten“ lehnt sich auf gegen Einsamkeit und Isolation, „Ich bleib immer hungrig/ wenn ich alleine essen muss“  und weiter: „Ich will nicht mehr alleine schlafen/ weil ich über den Beinen frier“. Der Entschluss, die Tür zu öffnen als finales Statement, ein starkes letztes Zeichen, dass Hoffnung macht, noch ist nicht alles verloren, diese Platte beweist das, trotz der schlechten Zustände und Vorzeichen.

7.5 out of 10 stars (7,5 / 10)

(Martin Makolies)

Info: www.matulaband.de

Interview mit Matula