CHRYSTA BELL: This Train

( QQ 5 by JSM/ Rough Trade)  Endlich lässt David Lynch seine Muse auf die Menschheit los. Der Filmemacher stellt so etwas wie den musikalischen Ziehvater der Dame aus San Antonio dar, er hat die Lyrics dieses Albums geschrieben und die Songs produziert. Aber Chrysta Bell ist nicht nur die willenlose Marionette von Lynch, sie füllt auf ihre ganz eigene Art diese Stücke mit Leben aus, so dass sie erst durch ihren stimmlichen Beitrag zu etwas Großem werden. Da steht am Anfang dieses Albums der Song „This Train“ und kommt einer spirituellen Reinigung gleich. Der Hörer legt nach und nach die äußeren Schichten seiner selbst ab, Alltagshektik und Zivilisationsstress verschwinden, so dass er fast nackt diesem Ereignis von einem Track gegenübersteht. Es ist dann fast so, als ob Lynch und Bell ihr Publikum erst auf diese Songs eichen würden. Es folgt ein Liebeslied, man ist erst überrascht, dass Lynch so etwas scheinbar Profanes anbietet, doch „Right Down To You“ ist voll von subtilen und ambivalenten Gefühlen und nur auf den ersten Blick eindeutig. Bell wandelt schweren Herzens aber leichten Fußes durch eine Landschaft, die vor Erschöpfung leicht angegraut wirkt. Die Stimme von Bell wirkt dabei souverän aber beseelt, eine eindrucksvolle Darbietung. Es kommt im Übrigen nicht von ungefähr, dass man öfters mal an Mazzy Star oder Portishead denkt, denn diese Musik besitzt eine narkotische Qualität, verwischt ihre Spuren in einem pastellfarbenen Nebel. Haben wir bei „Right Down With You“ von einem unglücklichen Liebeslied gesprochen, finden wir mit „Swing With Me“ dessen erotische Kehrseite. Ein Hauch von sexualisiertem Blues weht hier durch das Gras der Prärie, der Schweiß fließt träge von der sonnenverbrannten Haut und alles wirkt wie unter einem Brennglas, der schleppende Rhythmus, die kargen Gitarrenfiguren, der unterkühlt lüsterne Gesang. Wenn die Songs bisher eher von Landschaften und der Natur geprägt sind, fängt „Friday Night Fly“ dann Szenen der Großstadt ein, Laternenmasten, die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos und das ungesunde Licht vor einem nächtlich erleuchteten Kiosk. Dieses Stück ist geprägt von einer feinen, unterschwelligen Ruhelosigkeit, es flackert und blinkt überall und man sieht die Jungs und Mädels auf der Suche nach Vergnügen am rastlosen Auge vorbeiflanieren. Und dennoch wirkt alles auf dieser Platte spirituell und tiefgründig, ganz besonders „Down By Babylon“, in dem Bells Gesang im Refrain an einen religiös eingefärbten Klagegesang erinnert. Die folgenden Songs fügen dann, dies vielleicht der einzige Kritikpunkt an „This Train“, nicht wirklich weitere Facetten zum Klangbild hinzu .Die einzige Ausnahme davon stellt das abschließende „The Truth Is“ dar, welches sich an recht geradlinigem Dancefloor-Pop versucht und dabei der emotionalen Tiefe dieses Albums etwas Unbedarfteres gegenüberstellt. Es hat zwar lange gedauert, aber das Warten auf diese Kollaboration hat sich gelohnt. Lynch erweist sich mal wieder als Meister der psychologisch vielschichtigen Klangwelten und Chryta Bell belebt diese Tableaus auf ganz eigene Art, im Stile einer Grand Dame, die mit allen Wassern gewaschen ist.

7.5 out of 10 stars (7,5 / 10)

(Martin Makolies)

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