SCRAPS OF TAPE: Sjätte Vansinnet

(Tendervision/ Al!ve)  Für Scraps Of Tape ist die Aufzählung der Sinne nur dann vollständig, wenn man als sechsten den Wahnsinn dazu zählt. Die Schweden halten jenen Wahnsinn für die kreative Triebfeder und das soll man dieser Platte auch anhören. Und es knallt auch gewaltig, „Sjätte Vansinnet“ ist ein ungemein kraftvolles aber auch ein Album der höchsten technischen Perfektion. Gerade was die Rhythmusarbeit anbelangt, ist diese Platte ein überlebensgroßes Beispiel für Finesse und die völlige Beherrschung des Metiers. Und vielleicht findet man gerade da einen entscheidenden Widerspruch: die rhythmischen Linien schießen zwar quer durch den Raum, sie sind aber wie mit dem Lineal gezogen und man fühlt eine große Disziplin und Kontrolle, wenn es denn hier um den Wahnsinn geht, beherrschen die Schweden ihn zu jeder Zeit, nichts läuft chaotisch aus dem Ruder oder wirkt zufällig. Diese Rockmusik folgt einem ausgetüftelten Plan. Was jedoch unbedingt gesagt werden muss: diese Platte ist laut und gewaltig, jedoch ohne Schmutz und stumpfe Aggression. Scraps Of Tape verteilen ihre Nackenschläge mit kunstvoller Hand, sie attackieren mit hoher handwerklicher Präzision. Bei dem ganzen Perfektionismus fällt es dem Hörer vielleicht zunächst schwer, sich dieser Scheibe gefühlsmäßig anzunähern, erst mal ist da ein beeindrucktes Staunen ob des schieren Könnens dieser Band. Doch es gibt einen Schlüssel zu „Sjätte Vansinnet“, nämlich den Gesang von Johan Gustavsson. Dieser belebt die Stücke erst wirklich, gerade weil hier der Perfektionismus Pause hat, mit kleinen gesanglichen Schwächen schreibt er der Musik ein menschliches Antlitz ein. Dabei ist es ein wenig schade, dass nur sechs der zehn Songs mit Gustavssons Stimme bevölkert werden, der Rest ist rein instrumental. Diese Songs sind zwar auch anregend und beeindruckend, sie wirken jedoch eher wie hoch artifizielle Aufwärmübungen. Besser ist da der Opener „We The Leftheaded“, der frühlingshaft losprescht und dabei so manche schöngeistige Gitarrenfigur am Firmament changierender Rhythmen aufziehen lässt. Der drängende Gesang von Gustavsson verleiht den instrumentalen Wegeführungen dabei Tiefe und Emotionalität, bis sich der Song in eine Grube aus Noise stürzt, dort aber wieder wohlbehalten heraus klettert, viele Wendungen, viele Eindrücke, ein durch und durch packender Song. Etwas gediegener ist der Beginn von „Hands In Hands“, dessen Gitarren im trüben Morgenlicht flirren und mit Gustavssons Stimme beladen werden, die sich eher dahin schleppt und dabei verletzlich blass bleibt. Natürlich erhebt sich auch dieser Song noch aus seiner nebeligen Umarmung und skizziert  elegische Gitarrenmelodien, die in einem fast hoffnungsvollen Refrain münden. Wie gesagt, diese Platte ist hoch energetisch und ziemlich laut, dabei bleibt sie aber immer strukturell ausdifferenziert. Scraps Of Tape streuen dabei aber auch so manche Ruhephase ein, so das elegische „A Neverending“, welches irgendwie verloren und vergessen wirkt, wie das letzte, fast schon hoffnungslose Winken eines Ertrinkenden. „Sjätte Vansinnet“ ist eine zu tiefst inspirierte Vermischung der Post-Stile, Post Hardcore trifft auf Post Rock und es entsteht eine jederzeit anregende Mischung mit ordentlich Dampf in der Leitung. Die handwerkliche Perfektion ist dabei nur der erste Punkt, der ins Auge fällt, nach und nach entfaltet dieses Album auch seine emotionale Bandbreite.

7.5 out of 10 stars (7,5 / 10)

(Martin Makolies)

www.scrapsoftape.com