SLOWDIVE: Slowdive

(Dead Oceans/ Cargo) Als sich Anfang des Jahres die ersten Meldungen verfestigten, dass ein neues Kapitel der Band Slowdive aufgeschlagen würde, war da dieses Kribbeln der Erwartung. In den Neunzigern konnten sich Neil Halstead und Rachel Goswell durchaus als eine der führenden Shoegaze-Bands feiern lassen, dabei flog die britische Formation auch irgendwie immer ein wenig unter dem Radar. Man wurde von den Kritikern geschätzt und ein überschaubarer Kreis an Liebhabern kaufte die Platten und ging auf die Konzerte.

Jetzt also ein Lebenszeichen nach 22 Jahren der Stille. Und eins sei gesagt, aus dem nervösen Gefühl der Vorfreude werden Freudentränen, sobald man den ersten Song von „Slowdive“ vernommen hat. „Slomo“ ist eines dieser Stücke, welches den Hörer noch in die Träume begleiten wird, intuitive Herzensmusik, die keine Posen nötig hat, sondern einfach nur ist. Ein sanft federndes Schlagzeug setzt ein, welches bereits signalisiert, dass allzu harte Alltagsrealitäten keinen Platz in der folgenden Dreiviertelstunde finden werden. Und dann ein simples Gitarrenmotiv, bescheiden aber eindringlich, es perlt und plingert mit der größtmöglichen Selbstvergessenheit, bis der abwechselnde Gesang von Halstead und Goswell hineinschwebt. Spätestens hier ist man als Publikum befreit, erlöst und in die Seligkeit geschaukelt. Dabei hat das Stück Hand und Fuß, verkommt in keinem Moment zur AmbientKlangtapete. Slowdive beherrschen nach all der Zeit immer noch den Trick, gleichzeitig leicht und zupackend zu sein. Dabei berühren sie mit sachter Hand, der Klos im Hals wechselt sich mit Freudestrahlen ab. Dass Slowdive auch clever in Sachen Albumstrukturierung sind, zeigt, dass nach dem ergreifenden Auftaktmoment erstmal ein wenig auf cool gespielt wird. „Star Rover“ ist eine flüssige Shoegaze-Nummer, die mit lässigem Drive den emotionalen Gehalt bewusst ein wenig reduziert. Doch bereits das folgende „Don´t Know Why“ zaubert raffiniert ein paar phantastische Songwriter-Kniffe daher, verbindet einen durchaus motivierten -in anderem Kontext würde man sagen, aufgestachelten- Schlagzeugbeat mit dem fragilen Sirenengesang von Goswell und man weiß schon wieder nicht: ist das jetzt Zuversicht oder Melancholie.

In solchen Stücken fällt immer wieder auf, dass Slowdive näher am Dreampop dran sind denn je. Das schwer nachdenkliche „Sugar For The Pill“ baut seinen schwermütigen Gestus auf einer einzelnen, unheimlich fundierten Gitarrenfigur auf und ist immer darauf bedacht, nicht zu viel auf einmal passieren zu lassen. Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich und einfühlsam die Musik auf diesem Album wirkt, nichts erscheint gezwungen oder mit großem Aufwand in Szene gesetzt. Diese Songs haben scheinbar 22 Jahre reifen können und sind jetzt in einem Zustand, an dem nichts mehr zu verbessern ist.

Alles kommt so leicht und folgerichtig daher, die Gitarre in „No Longer Making Time“, die behutsam eingesetzten Synthies in „Go Get It“, dass man sich nicht vorstellen könnte, wie auch nur ein Ton auf dieser Platte anders sein könnte. Dass „Slowdive“ durch „Falling Ashes“ auf einer betont ruhigen Note ausklingt, verdeutlicht nur, wie versiert Slowdive im Umgang mit ihren kompositorischen Fähigkeiten sind. Wo andere Bands mit einem lauten Knall die Tür hinter sich zuschlagen, verschwinden Slowdive mit einem angedeuteten Lächeln schwebend durchs Fenster, leicht wie ein Lufthauch, den man aber auch noch in 22 Jahren spüren wird.

9 out of 10 stars (9 / 10)

Info: www.facebook.com/Slowdive