LOVE A: Nichts Ist Neu

(Rookie/ Indigo) Wenn man Jörkk Mechenbier, den Frontartisten von Love A, fragen würde, was in unserem Land gerade falsch läuft, würde er sein Gegenüber wahrscheinlich bitten, sich eine Woche frei zu nehmen, damit er anfangen könne, zu berichten. Da Love A jedoch wissen, dass die Menschen im Allgemeinen nicht ganz so viel Zeit besitzen, haben sie ihren Zustandsbericht auf 40 Minuten eingekocht, mit keinem Ton zu viel und keine Minute zu lang.

Denn es steht nicht so gut um Deutschland, die Deutschtümelei, die Angst vor allem und der Hass auf alles, was fremd ist, und der daraus erschaffene Wutbürger, alles ziemlich traurig, da kann man das ein oder andere Lied zur Alarmierung gebrauchen. Dass die Missgunst und die Abgrenzung nicht beim großen Flüchtlingsstrom beginnen, zeigt das herrlich einfach gehaltene „Nachbarn II“, der Mensch von der Wohnung gegenüber sei schwul, Raucher oder Alkoholiker, dann aber schnell weg damit. Das Stück macht daraus eine zackige, NDW-affine Wavenummer, die sich sonderbar kalt und distanziert ausnimmt, bis der punkige Refrain Einzug hält. Übrigens, zum Thema Punk: dieser ist als Wurzel und als Startkoordinate immer ablesbar, stellt das Benzin für den Antrieb der Songs dar. Doch Love A variieren und schauen weiter. Vom Punk geht es öfter zum Post-Punk, Joy Division verstecken sich so manches Mal im Schlaglichtschatten. So auch im basslastigen Auftakt von „Nichts Ist Leicht“, dass sich schwer atmend aus dem Kellerloch herauszwängt und dessen Grautöne von Mechenbiers engagierten Gesang durcheinandergewirbelt werden. Dieser nimmt auch mal die Rolle des Clowns ein, wie in „Unkraut“, doch wirkt der vordergründig witzige Vortrag in seiner fahlen Hysterie spätestens ab der zweiten Strophe beängstigend, da man weiß: hier singt der gleichgeschaltete Adolf Mustermann.

In „Sonderling“ wenden sich Love A sogar dem Funk zu, was dennoch glaubhaft rüberkommt, da auf Textebene mit der musikalischen Ausrichtung korrespondierend recht locker das Bild des moralisch unantastbaren Supermenschen gezeichnet wird, der keine Fehler macht, der in völligem Einklang mit sich und ohne peinliche Ausrutscher lebt: „All die Dummheit macht mich krank/ sagt der Sonderling und lacht/ weil er weiß, dass all das Falsche/ sein richtig wichtig macht“

Genau diese präzisen Beobachtungen erheben „Nichts Ist Neu“ über den Standard der aufgebrachten Protestmusik, Love A halten ihre Texte zwar einfach, sie vereinfachen aber nicht unzulässig. Dennoch kommen dabei zündende Gedankenformulierungen, manches Mal sogar elektrisierende Slogans zu Stande, mitunter sogar poetisch aufgeladen: „Und der Löwenzahn haut weiter seinen Kopf durch den Asphalt und der Deutsche ist mal wieder unzufrieden“ Hinzu kommt die unheimlich eingängige musikalische Darreichungsform, die sich trotzdem raffiniert an den verschiedensten Quellen bedient. „Nichts Ist Neu“ ist beweglich, unheimlich intelligent und bietet den Soundtrack zum Angepisst sein über die gesellschaftliche Großwetterlage hierzulande.

7.5 out of 10 stars (7,5 / 10)

Info: www.love-a.de