HARRY STYLES: Harry Styles

( Erskine/ Columbia/ Sony) Unwissenheit ist manchmal ein Segen…Ohne auch nur eine kleine Ahnung zu haben, um wen es sich bei dem Musiker Harry Styles handelt, rotierte das selbstbetitelte Album munter in meinem Player. Ihr kennt Harry Styles auch nicht? Gut, dabei belassen wir es auch noch einen Moment, Auflösung erfolgt am Ende dieser Rezension. Zunächst wenden wir uns der Musik zu.

Diese ist reichhaltig und vollmundig ausformuliert und wenn es eine dominierende Stilistik auf diesem Album gibt, dann sind es sicher Folk und Country. Diese breiten sich direkt zu Beginn bei „Meet Me In The Hallway“ in Form einer Geisterstunde aus, die Farben sind verblasst, man bewegt sich schwebend fort, bevor ein doch recht kerniger, leidenschaftlicher Refrain den Blutkreislauf nachhaltig anregt. Die Balance zwischen softem Folk und markantem Aufbrausen im Refrain beherrscht auch „Sweet Creature“ sehr gekonnt, das Stück ist simpel aber beherzt und nistet sich mit unserer freundlichen Genehmigung genüsslich im Gehörgang ein.

Textlich ist Harry Styles durchaus vorne dabei, er findet schöne Zustandsbeschreibungen(„we´re just two ghosts swimming in a glass half empty/ trying to remember/ how it feels to have a heartbeat“) oder gibt durchaus kernige Slogans von sich, etwa „comfortable silence is so overrated“. In Kombination mit den vielen verschiedenen musikalischen Ansätzen entsteht ein komplexes Bild eines Künstlers, der sich gerne in unterschiedlichen Outfits präsentiert. So hört man den frühen Beck in „Carolina“ heraus und in „Woman“ wird souliges Terrain betreten. Dem klassischen 80s Rock frönt „Only Angel“, das folgende „Kiwi“ verdient sich den Zusatz hard & heavy und überhaupt wird an viele Spielarten angedockt, ohne dass es unübersichtlich wird. Einzig das fast sechs minütige „Sign Of The Times“ endtäuscht ein wenig. Harry Styles hat Lust auf Gala und den roten Teppich, „welcome to the final show/ I hope you´re wearing your best clothes”, und inszeniert eine üppige Bombastnummer mit jeder Menge Emphase. Das geht auch knapp vier Minuten richtig gut, doch dann wringt Styles das Stück unnötig aus, um auch noch das letzte Tröpfchen Pathos auszuquetschen. Dies ist aber der einzige Schwachpunkt einer ansonsten sympathischen, locker runter gespielten Platte mit breit gefächerter Stilistik und jeder Menge Herzblut.

Jetzt bleibt aber immer noch die Frage, wer ist dieser Harry Styles? Bei diesem doch sehr beseelten Debütalbum würde man sicher denken, der gute Harry hätte jahrelang einsam in seiner Kammer an diesen Stücken geschrieben und arrangiert, doch dafür hatte er wahrscheinlich keine Zeit. Denn dauernd standen Promotermine und Konzerte mit Vollplayback an, die kreischenden Teenies haben ihm auch einen Tinnitus beschert, ach, eigentlich ist es so ziemlich scheiße als Mitglied einer Castingband. Deshalb ist Styles auch bei One Direction ausgestiegen, ja richtig, da war Harry Styles Mitglied.

Und deswegen ist es so wertvoll, Musik auch mal befreit vom Kontext zu hören. Hätte ich das Wissen um Styles Vergangenheit vorm Hörgenuss dieses Albums gehabt, wäre ich genauso offen für diese Songs gewesen? Hätte ich mir dieses Debüt überhaupt angehört? Ich weiß es nicht. Zumindest zeigt das alles aber auch, dass es ein Leben nach der Casting-Hölle gibt und das kann sogar künstlerisch sehr erfüllend ausfallen. Chapeau Harry!

7 out of 10 stars (7 / 10)

Info: www.hstyles.co.uk