Martins Poptagebuch: 16.03.2018

mit Food Court, Caroline Rose und Essaie Pas

 

Ich stelle mir gerade die Frage, was für mich Punk ist? Nun, Punk ist bei mir immer dann, wenn mir eine Musik ein Stück weit Angst macht, sie eine gewisse Gefahr ausstrahlt. Damit meine ich nicht die gebrochene Nase nach einem wilden Konzert, das ist ja eher eine sportliche Betätigung mit folgender Blessur. Vielmehr kann man von Punk sprechen, wenn es ein Song schafft, Gewissheiten und Grundsätze in einem zu erschüttern. In diesem Sinne sind Food Court aus Sydney alles andere als Punk, obwohl sie auf ihrem neuen Album vieles versammeln, was man gemeinhin mit Punkmusik assoziiert. Da sind die geschraddelten Gitarren, der holpernde Rhythmus und generell ein zupackendes Melodieverständnis. Aber da ist auch die Erkenntnis, dass Food Court auf Nummer sicher gehen, und mit ihrer konformistischen Rockmusik verpassen, eine eigene Identität zu erschaffen. Wieviel Leidenschaft und Widerstand lag zum Beispiel in „Up The Bracket“ von den Libertines? Davon ist bei den Australiern nichts zu spüren, zu brav wird einem reglementierten Sound gefolgt, was dann schon fast so spießig wie Schlagermusik ist. Laute Gitarren sind halt nicht gleich Punk.

Ein Identitätsproblem hat die New Yorkerin Caroline Rose definitiv nicht. Und dass, obwohl ihr zweites Album „LONER“ sehr heterogen im Sound ist. Themen wie Kapitalismus und Frauenausbeutung werden in aggressiven Rockabilly oder aufgekratzten Surf-Punk übersetzt, an anderer Stelle entfaltet sich düsterer Trip Hop („To Die Today“) und den klassischen Power Pop findet man auch. Dieses weite Spektrum wird durch eine selbstsichere Persönlichkeit mit einem ausgeprägten Hang zum Sarkasmus zusammengehalten. Wie bei einem Kleinkind zu sagen, Rose probiere sich aus, wäre also grundfalsch. Sie ist sich nämlich verdammt sicher, was passt und funktioniert. Für uns bedeutet das einen abwechslungsreichen Ritt, der sehr geschmackvoll kuratiert wird von einer wachen, selbstbewussten Künstlerin.


 

Deutlich enger fasst das kanadische Duo Essaie Pas seinen stilistischen Rahmen. Ihr kalter Dark Wave lebt von der minimalistischen Herangehensweise des Ehepaars. Da pulsiert ein unterschwelliger, nicht desto weniger voluminöser Grundbeat durch den dunklen Raum und die eingeworfenen Synthiefragmente erinnern an jene Tiefseewesen, die bei Kontakt mit Licht in den grellsten Farben aufflackern. Doch stehen solche Effekte recht isoliert und unvermengt da. Dies ist Tanzmusik für jene Dancefloors, die so spärlich beleuchtet sind, dass man das Gegenüber nur erahnt. So wird man auf den eigenen Körper zurückgeworfen, Motorik wird dabei zu Mechanik, ich bin doch eine Maschine. Die Spoken Word-Narration ist dabei an die Dystopie „A Scanner Darkly“ angelehnt, welche sich jedoch vor allem in der klaustrophobischen Atmosphäre dieser sechs Tracks wiederfindet. Dark as dark can.

 

Bis bald

euer Martin Makolies