Martins Poptagebuch: 18.03.2018

mit Kreisky,Yo La Tengo und Nakhane

Beginnen wir den Tag doch mit ein wenig intellektuellem Krawall aus Österreich. Dafür sind Kreisky eine wahre Institution, ätzend, zynisch verbeißen sie sich in die spießbürgerlichen Rituale ihrer Umgebung. „so ein richtiger Roman/ so ein richtiger Thomas Mann/ fängt nicht unter 600 Seiten an“. Wie viele andere Bands dieser Art ist die etwas steife Coolness des Post Punk ein wichtiger Bezugspunkt, doch Kreisky haben auch Spaß am klassischen Rock and Roll und synthieinformierte Auswüchse der NDW schwappen auch immer wieder ins Klangbild. Es gab ja schon viele Bands, die gekommen sind, um sich zu beschweren, doch Kreisky vermengen auf herrlich schräge Art den Spaß an der Rockmusik mit ihrer ablehnenden Haltung gegenüber jeder Art von etablierten Alltag. Die Lottoziehungen, der Hausarrest, der Urlaub in Salbach Hinterglemm, alles scheiße, kann alles weg, es macht aber diebische Freude, das Ganze mit zuckenden Bewegungen vom Tableau zu wischen.

Der Konfrontation ein Stück weit aus dem Weg gehen die Indie-Veteranen von Yo La Tengo. Wenn sich alle anschreien, wenn der reiche Mann im weißen Haus ein Twitter-Gewitter nach dem anderen los lässt, empfiehlt die Band aus Hoboken den Blick und die Einkehr nach innen. Keine Parolen, keine Kampfschriften, sondern den Rückzug in die Entspannung. Sich einfach aus dem Getümmel rausnehmen, einatmen, ausatmen. Die Referenz im Albumtitel zu Sly And The Family Stone führt da auf die falsche Fährte, denn Yo La Tengo exerzieren auf „There´s A Riot Going On“ die Möglichkeiten der Ruhe durch. Mancherorts wurde diesem Album bereits ein gewisser Hang zur Langeweile angekreidet, dies scheint aber eher an mangelnder Sensibilität beim Hörer zu liegen. Denn die Platte ist zwar nicht aufgeregt aber doch anregend. Denn Yo La Tengo zeigen auf, dass es in der Entspannung viele Wege zum Ziel gibt. Da wird ein bluesiger Country-Rhythmus die Landstraße runtergeschickt, gemächliches Gitarrengeflirre sorgt an anderer Stelle für Südseefeeling und manches wirkt wie ein Import aus der spirituellen Schatzkiste des Orients. Die verschiedensten musikalischen Ansätze werden dann eben von dem Leitmotiv des Unaufgeregten, Besonnenen zusammengehalten. So können sich die Muskeln entspannen, die von der Kampfhaltung schon ganz verkrampft gewesen sind. Und man kann es auch so sehen: nach diesem Kurzurlaub sind die Kräfte wieder aufgeladen für neue Gefechte in einer zerrissenen Gesellschaft. Aber vielleicht lehrt einen diese Platte auch, einfach mal ruhig und geduldig zuzuhören. Im Falle von „There´s A Riot Going On“ führt dieser Weg nämlich zu einem großen Vergnügen.

Intimität ist ebenfalls in der Musik von Nakhane eine entscheidende Qualität. Denn am eindringlichsten geraten dem südafrikanischen Soulmusiker jene Momente, in denen er seiner Stimme lediglich ein einfühlsames Klavier zur Seite stellt. Dann funkeln die Stücke wie Edelsteine in tiefer Nacht und es entsteht viel Projektionsfläche für die Einsamkeit, die Konflikte aber auch die immer spürbare Nächstenliebe dieses Mannes, der im Spannungsfeld zwischen seiner Homosexualität und einer streng christlichen Erziehung steht. Eine feine Ergänzung zu diesem Sound sind diverse afrikanische Percussionmuster, alles was jedoch von jenseits des großen Teichs in diese Musik hereingreift ist eher verzichtbar. Irgendwelche Sirenensounds aus dem Hip Hop oder metalisch schroffe Gitarrenklänge sind Gimmicks, die die Musik von Nakhane an mancher Stelle trivialisieren und etwas verwässern.

Bis Bald

euer Martin Makolies