Martins Poptagebuch: 04.04.2018

mit Frankie Cosmos, Her und Spanish Love Songs

Greta Kline weiß, was dir gut tut. Die Kevin Kline-Tochter macht mit ihrer Band Frankie Cosmos nichts, was das Publikum verschrecken könnte. Ihr sommerinspirierter Schrammelindie ist niedlich, zutraulich und anschmiegsam. Allzu komplexe Strukturen werden da genauso ausgespart wie ins Extrem gehende Emotionen. Die Songs bleiben immer in einer gewissen Wohlfühlschwebe. Melancholie ja, Verzweiflung nein. Wie beiläufige Skizzen wirkt manches, was Kline sich auf ihrer Gitarre scheinbar spontan zusammenzimmert und muss auch gar nicht bis ins Letzte ausformuliert werden. Da wird die Zweiminutenmarke des öfteren zur unüberwindlichen Hürde für Songs, die genauso schnell verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Der Moment ist gerade gut so, wie er ist, was kommen mag, wird man dann schon sehen. Songs wie „Duet“ geben sich den Anstrich einer ungeplant anberaumten Liebeserklärung, die nicht dafür gemacht ist, ein ganzes Leben zu gelten, doch gerade jetzt könnte es nichts Wichtigeres geben. Auch „I´m Fried“ wirkt wie der selbstvergessene Singsang eines fluffigen Wachtraums, der schnell entschwinden könnte. „Vessels“ lässt sich damit nicht für die Ewigkeit festpinnen, ist vielleicht nicht verlässlich und verbindlich, gerät aber zu einer herrlich spontanen Streicheleinheit, die keinen langen Anlauf braucht.

Direkt ins Ohr gehen auch die wunderbaren Soul-Pop-Glanzstücke des Duos Her. Wobei Duo leider nicht mehr richtig ist. Im vergangenen August verstarb die eine Hälfte, Simon Carpentier, an Krebs. Sein Partner Victor Solf führt das Projekt jedoch weiter. Auf dem selbstbetitelten Debütalbum findet sich noch ganz viel Carpenteir und man merkt, wie fein die beiden Franzosen sich die Bälle zugespielt haben. Ins Mark trifft der eröffnende, sakrale Gospel „We Choose“, indem es heißt: „we refuse/ to be the ones dying“. Andere Songs geraten nicht so existentialistisch, „Five Minutes“ verbreitet da zum Beispiel eine gespenstische Lebendigkeit unter dem fahlen Mond. Toll auch, wie analoge Instrumente in den digitalen Rahmen eingefügt werden. Viele Songs ruhen auf einem frisch bezogenen Orgelbett, an anderen Stellen sorgen einfühlsame Bläser für warme Schattierungen. Wunderbar lässig und gar nicht düster gerät die entspannte Tanznummer „Wanna Be You“ mit gemütlich pulsendem Bass und Funk-Gitarre, während „Swim“ wieder in Richtung demütigem Gospel schaut, bevor ein beseelter Chor und eine kontaktfreudige Rhythmusgitarre aufzeigen, wo der Weg hinführt: ins Leben, ins Licht. Und das gilt hoffentlich auch für die Zukunft von Her.

So und jetzt die Frage des Tages: wie kommt eine Band aus Los Angeles auf den sonderbaren Albumtitel „Schmaltz“? Spanish Love Songs haben jedenfalls ihre neue Platte so benannt, musikalisch ist von schmierigem Kitsch aber nichts zu spüren. Eher bekommt man da entfesselte Emo-Punk Hymnen um die Ohren gekloppt. Das Zittern in der Stimme, der Klos im Hals werden leidenschaftlich niedergeschrien. Dazu rotiert das Schlagzeug in einer fatalistischen Kesselschlacht und die Gitarren sägen und gniedeln. Das Faustpfand dabei sind freilich die Melodien, die einer Sturmflut gleich das Land überspülen. Diese Band fängt den Moment recht gekonnt ein, wenn aus Verzweiflung Euphorie erwacht, Grenzen werden überwunden, Zäune nieder gerissen, diese Musik vibriert und pulst aufs Gewaltigste, ein wenig eintönig im atmosphärischen Setting zwar, wenn aber unschuldiges Pathos griffige Hymnen gebiert, steht man dann doch relativ ent- und begeistert daneben. Schmaltz as Schmaltz can.