Martins Poptagebuch: 17.04.2018

mit Mouse On Mars, Alpentines und L.A. Salami

Zugegeben, der Erstkontakt mit dem neuen Album des Duos Mouse On Mars mag von Verwirrung und latenter Überforderung geprägt sein. Allzuviel scheint auf den Hörer einzuprasseln, tausend Stile, mannigfaltige Ansätze. Doch selten hat es sich mehr gelohnt, einen langen Atem zu haben. Denn irgendwann kommt der Punkt, an dem man feststellt, dass man es hier mit einer groß angelegten Weltmusik zu tun hat, bei der es fast egal ist, ob es sich noch um elektronische Musik handelt. Ein roter Faden dieser Platte ist ein frei interpretierte, afrikanische Polyrhythmik, die immer wieder ihre faszinierenden Kreise zieht. Da sind zu Beginn feine Afro Jazz-Passagen in getrieben ratternde Percussioons eingeflochten, an anderer Stelle kühlt Justin Vernons waidwunder Klagegesang das hitzige Geschehen ein wenig runter und auch die Appalachen-Fidel von „Parliamant Of Aliens Part 1“ macht irgendwie gehobenen Sinn. In „Foul Mouth“ setzt es einen in die globale Vielseitigkeit eingewobenen Hip Hop von Amanda Blank und auch die Lebensbeichte des Soulkuriosums Swamp Dogg erscheint schlüssig in der bewegungsfreudigen Extrovertiertheit von „Resume“. 50 Gäste haben an dieser Platte mitgemacht und es ist verblüffend, dass in letzter Instanz eine zwar vielgliedrige aber konzeptionell geschlossene Ordnung steht, ein ganz großer Wurf.

Ähnlich begeistert kann man von dem Debüt der Alpentines sein. Der Begriff Debüt führt hier aber ein wenig in die Irre, denn die Mitglieder dieser Kölner Gruppe haben bereits Jahrzehnte lang in diversen Indieformationen gespielt. Und dementsprechend ausgewogen und geschmackssischer hört sich „Silence Gone“ an. Diese Platte ist ein Lehrbeispiel für intuitiv wirkungsmächtige Refrains und folgerichtige Arrangements. Bereits der Opener „Take It Out“ wirkt da wie eine natürlich gewachsene Indiegroßtat, man wird von diesen Stücken an die Hand genommen und mitgerissen, ohne das irgendwo ein ungebührliches Pathos oder die kompositorische Brechstange nötig wären. Jedes Detail ist eindringlich berdacht und wohlplatziert, die Stücke wirken auf eine herrlich selbstverständliche Art in sich geschlossen. Ganz großer Indierock, der keine spektakulären Gesten und Verrenkungen braucht, ein im besten Sinne homogenes Werk.

Will man die Musik von Lookman Adekunle Salami einordnen, kann einem das Adjektiv dylanesk zuverlässlich weiterhelfen. Ähnlich dem Nobelpreisträger zieht L.A. Salami einen abwechslungsreichen Urban Folk auf, der über intime Erlebnisse zu den inneren Verhältnissen seiner Heimat hin zur großen Außenpolitik kommt. Erfreulich ist, dass das Ganze mit reichlich Blues und frühem Rock and Roll angereichert ist, man denkt an die jungen Stones, an Velvet Underground oder, aktueller, die Libertines. Vordergründige Highlights sind jene Momente, wenn Salami aus seiner sanft-goldigen Erzählerkomfortzone herauskommt und sich wie in „Generation L(ost)“ oder „Terrorism!( The Isis Crisis)“ der Rage hingibt. Dennoch bleibt bei den großen Themen noch genügend Raum für das Private, ein Trip nach Berlin findet da ebenso Platz wie die ganz persönlichen Probleme einer Kriegsflüchtigen in ihrer neuen Heimat England. Das U.K. Ist auch ständiger Bezugspunkt für Salami, der Grundsound der Platte ist aber eher auf dem amerikanischen Kontinent verortet.

 

bis bald

euer Martin Makolies