Martins Poptagebuch: 24.04.2018

mit Josh Rouse, Laura Veirs und Die Nerven

Mit Plattencovern kann man potentielle Hörer ordentlich in die Irre führen. Schaut man sich jenes von Josh Rouses neuem Album an, steht zu erwarten, dass man mit verdrogter Nachtmusik versorgt wird. In ungesundem Blaulicht posiert Rouse wie Helmut Berger nach einer versoffenen Nacht. Dabei ist „Love In The Modern Age“ eine durch und durch gesunde Angelegenheit. Es handelt sich um Songs mit Hand und Fuß, klassisches Songwriting, wenn man davon absieht, dass hier die Synthies die Hauptwürdenträger sind. Diese geben den übergeordneten Leitfaden für die Melodien ab, gerade auf der ersten Albumhälfte. Schön dabei ist jedoch, wie ein transparentes und fragiles Gitarrenspiel die Stücke ergänzt und bereichert, ganz unaufgeregt aber mit viel Gefühl. Dies lässt sich auch von dem zärtelnden Saxophon sagen, welches sparsam eingesetzt eine erstaunliche Wirkung erzielt. Wie gesagt, klassisch ist dieses Album in seinem musikalischen Aufbau, klassisch ist auch die Rollenverteilung für Liebesbeziehungen, die Songs „Businessman“ und „I´m Your Man“ künden davon. Wer sich daran nicht stört, findet ein behutsam ausgewogenes, fein abgerundetes Songwriteralbum mit so manchem unaufdringlichen Ohrwurm.

Dies lässt sich ebenfalls vom neuen Album der Laura Veirs behaupten. Es ist schon phänomenal, wie unaufgeregt und souverän die 45-Jährige ihre folkigen Kleinkunstwerke handhabt. Da ist es kein Störfaktor, wenn in „Everybody Needs You“ synthetische Beats das Klangbild aufpeppen, ihre großen Stärken spielt Veirs jedoch im eher klassischen Metier aus. Das aufgeweckt pendelnde „Margaret Sands“ ist dafür ein Beleg oder auch das schluffige „Seven Falls“ mit der feinen textlichen Irritation „how can a child of the sun be so cold“. Der Titeltrack stampft dagegen mit gewissem Americana-Selbstbewusstsein sanft auf, generell haben die Stücke einen behutsamen Schwung, alle Songs wirken trotz ihrer Gemächlichkeit frisch und aufgeweckt. Ein frühlingshaftes Folk-Kleinod, dieses „The Lookout“.

Diesen Grad der Anschmiegsamkeit sucht man freilich bei einer Kapelle wie Die Nerven vergeblich. Wenn man eines nach wie vor über diese Band sagen kann, dann ist es, dass sie nach wie vor Musik erzeugt, so romantisch wie Küken schreddern. Doch eins sei vermerkt: so weit haben die drei Musiker ihre Post-Punk-Klammer noch nie gesetzt. Da gibt es Disko-Funk im Hungerstreik, ausgebleichten Surfrock und in „Frei“ auch mal ein Hardcore-Maulschelle. „Dunst“ würde obendrein bei anderen Bands vielleicht zu einem trippigen Hippie-Idyll geraten, Die Nerven lassen das Stück aber lieber im Elend versumpfen. Geblieben jedoch ist der Wille zu Haupt- und nicht Nebensätzen, wo andere bildreich Geschichten erzählen, steht bei dieser Band meist eine klare Aussage, „finde niemals zu dir selbst“ zum Beispiel. Da mag es fast ein wenig verwundern, dass das letzte Albumdrittel tendentiell versöhnlich daherkommt, doch mag das vor allem an großer emotionaler Erschöpfung liegen, ordentlich gekratzt und gebissen haben sie ja vorher auf „Fake“.

 

bis bald

euer Martin Makolies